• Basilius Schiel OSB

Regina Angelorum

Predigt am Hochfest „Maria Königin“ im St. Charles Hospice/Jerusalem (Sonntag, 22. August 2021)


Foto: Fußbodenmosaik der Dormitio-Basilika kurz nach dessen Fertigstellung.


Schrifttexte: Jes 9, 1-6 | Offb 11,19; 12,1-5.9-10.17 | Lk 1, 26-38



Liebe Schwestern, liebe Brüder,


eine Woche nach unserem Hochfest auf dem Zion dürfen wir heute mit Ihnen, liebe Schwestern, Ihr Hochfest feiern: Maria, Königin der Engel.


Der Begriff der Königin oder des Königs scheint uns im kirchlichen Kontext noch leicht über die Lippen zu gehen. Aber wir wissen längst, dass wir viele unserer Zeitgenossen damit nicht mehr erreichen. Könige und Königinnen gehören für viele Menschen zur Vergangenheit oder ins Märchen. Uns Ordensleuten ist es aber auch aufgetragen, mit unserem Leben Zeuginnen und Zeugen für Gottes Gegenwart in dieser Welt zu sein. Wenn wir den Menschen also erklären wollen, warum wir Christus als unseren König verehren, und warum wir Maria mit dem Titel der Königin der Engel bezeichnen, warum wir an Gottes Gegenwart in dieser Welt glauben, dann müssen wir Verständnisbrücken bauen. Das Fundament solcher Brücken besteht darin, dass wir selbst uns darüber klar werden, wieviel Alltag und ganz normale Erfahrungen hinter den starken Titeln König und Königin stecken.


Daher: Auch wenn wir nun hier in Ihrer Kirche sitzen, möchte ich Sie im Geist doch auf den Zion mitnehmen. Denn beim Ausräumen unserer Kirche in dieser Woche fielen mir wieder Schriftzüge ins Auge, die uns helfen können, den Titel „Maria Königin“ in unserem Leben zu bedenken. Es sind dies die Inschriften vor den sechs Seitenkapellen in unserer Oberkirche.



Regina Occidentis Salva nos

Die erste Seitennische links vom Eingang ist dem hl. Bonifatius gewidmet, dem Apostel der Deutschen. Wohl auch deshalb steht auf dem Mosaik-Boden davor: „Regina Occidentis Salva nos“. Königin des Abendlandes, erlöse uns! – Theologisch betrachtet, ist das nicht unproblematisch. Denn Erlöser und Retter ist natürlich nur Einer, Christus, der Gekreuzigt-Auferstandene, der Messias.


Wenn wir aber gerade in unserer Zeit auf Maria als Königin des Abendlandes schauen, und damit auf den Erdteil, wo die Kirche im Laufe der Geschichte ein ungeheurer Machtapparat geworden ist mit zum Teil schrecklichen Folgen und Fehlentwicklungen, unter denen viele Menschen leiden; wenn wir auf eine Kirche schauen, die so einseitig männlich geprägt wirkt; und wenn wir dann Maria, die Mutter unseres Bruders und Herrn, um Hilfe bitten, um Heil und Trost, dann kann der Titel Maria Königin eine sehr moderne und inspirierende Kraft bekommen. Denn es wird jenseits von Feminismus und Kirchenpolitik zum Gebet um eine balancierte, gerechtere und aufrichtigere Kirche.


Regina Prophetarum Filia David

Gehen wir im Uhrzeigersinn eine Seitenkapelle weiter, kommen wir bei Johannes dem Täufer an. Zu Füßen seines Altares steht: „Regina Prophetarum Filia David“. Königin der Propheten, Tochter Davids. – Hier fließen zwei mächtige Ströme der Hebräischen Bibel zusammen und vereinen sich in Maria wie zu einer Quelle für neues Leben: David ist der idealtypische König, seine Herrschaft steht für ein Königtum Gottes mitten unter den Menschen, am besten vielleicht zu fassen in den David zugeschriebenen Psalmen. Mit ihnen kann der betende Mensch in jeder Lebenslage vor Gott treten, kann klagen und auch fluchen, kann bitten, danken, loben, denn Gott ist gegenwärtig, ist unter den Menschen. Das zu bezeugen ist auch Aufgabe der Propheten: Sie zeigen auf Gott, der das Heil der Menschen will, auch durch das Gericht hindurch. Genau davon kündet jede Marien-Ikone. Denn wie Abt Bernhard Maria am vergangenen Sonntag ausgeführt hat: auch jede Marien-Ikone ist im Zentrum und Kern eine Christus-Ikone.


Rufen wir Maria als Königin der Propheten an, blicken wir zuerst und zuletzt auf Jesus, ihren Sohn, den Christus und Messias, den Gott und König mitten unter uns Menschen. „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter“ (Jes 9,5). Von IHM zu erzählen, das ist Auftrag einer prophetischen Kirche.


Regina Patriarchum Ora pro nobis

Der dritte Schriftzug auf diese Seite der Kirche lautet: „Regina Patriarchum Ora pro nobis“. Königin der Patriarchen, der Väter, bitte für uns! – Der Altar ist dem hl. Josef geweiht, und sein Kuppelmosaik zeigt den Stammbaum Jesu nach dem Matthäusevangelium: Wir alle haben eine Geschichte, haben Vorfahren, bessere und schlechtere. Aber am Ende läuft es auf das geliebte Kind Gottes hinaus, das wir sind, weil Gott auch eine Geschichte mit uns haben will. Das gilt nicht nur für Jesus von Nazareth. Das gilt auch für jede und jeden von uns.


Wir sind Gottes geliebte Töchter und Söhne, die ER mit all ihren Licht- und Schattenseiten annimmt. Maria, die Königin der Patriarchen, die Tochter Israels, steht genau dafür: Gott, der Mächtige, „erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten“ (Lk 1,50).


Regina Orientis Sis Lumen Gentis

Wechseln wir auf die andere Hälfte der Kirche, stehen wir vor dem „Kölner Altar“. Ihm gegenüber, über die Mitte des Kreises gesehen, hatten wir die Königin des Abendlandes. Hier heißt es nun „Regina Orientis Sis Lumen Gentis“. Königin des Morgenlandes, sei das Licht der Völker.


Für mich schwingen hier verschiedene Dinge mit: Das Morgenland ist ein Bild für die aufgehende Sonne. Ein neuer Tag, eine neue Chance im Angesicht Gottes, neues Licht nach einer Nacht des Dunkels und der Not, der Sünde und der Schuld. „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“ (Jes 9,1). Die Sonne geht nach menschlichem Ermessen immer neu auf. Gott schaut immer wieder auf die Niedrigen und die Hungernden (vgl. Lk 1,52.53).


Mehr noch: Am Beginn meines Klosterweges stand für mich sehr stark die Gewissheit, dass gerade von der Heiligen Stadt Jerusalem aus Frieden für die Menschen in der Welt ausgehen kann. Diese Gewissheit bekam in 20 Jahren Risse und Fragezeichen. Und doch treibt sie mich um. Maria, ein jüdisches Mädchen, geboren in Palästina, Mutter des Christus trägt so vieles in sich, was uns Licht in den Schatten dieser Welt sein kann, was die Menschen und Völker zueinander führen kann.


Regina Peregrinantium Ora pro nobis

„Regina Peregrinantium Ora pro nobis“ ist auf dem Boden vor dem „Bayern-Altar“ eingeschrieben: Königin der Pilger, bitte für uns!


Maria selbst war wie eine Pilgerin, immer wieder. Um mit dem Motto der großen Trierer Heilig-Rock-Wallfahrt von 1996 zu sprechen, sie war immer wieder „Mit Jesus Christus auf dem Weg“: zu ihrer Verwandten Elisabeth, dann nach Bethlehem, nach Ägypten und wieder nach Nazareth, immer wieder nach Jerusalem und auch nach Kafarnaum, schließlich wieder nach Jerusalem, zum Kreuzesberg und zur Grabeshöhle.


Pilgern ist eine weit über das Christentum hinaus verbreitete Übung, die Menschen hilft, sich wieder neu auszurichten, sich auf das wesentliche zu konzentrieren: einfach und mit wenigen Mitteln, still und aufmerksam, suchend und hoffend, bereit für Veränderungen und Konsequenzen. – Maria macht es uns immer wieder vor. Die Königin der Pilger kann uns und die Menschen, mit denen wir es zu tun haben, immer daran erinnern, dass wir auf diesen Wegen nicht alleine sind, dass Christus wie unerkannt oft schon mit uns dem Pilgerweg ist.


Regina Monachorum Filia Sion

Der sechste Altar in der Dormitio ist dem hl. Benedikt geweiht. Es wundert daher auch nicht, dass die Inschrift vor dieser Nische lautet: „Regina Monachorum Filia Sion“. Königin der Mönche, Tochter Zion. – Wie Maria so wollen auch wir Mönche dem Wort Gottes einen Lebensraum geben, lassen in Schriftlesung und Psalmengebet das Wort immer neu erklingen, lassen es Gestalt annehmen auch in unserem Leben. Wie Maria bleiben wir beim Wort Gottes, harren aus und warten, hören und gehorchen. „Fiat! Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lk 1,38). Wie Maria, die Tochter Zion, gehen wir dem Wort nach, gehen wir dem Wort entgegen. Und so klingt still und unmerklich in unserem Gebet auf dem Zionsberg immer auch ein Lied mit, das viele nur als Weihnachtslied sehen:


Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir, ja, er kommt, der Friede-Fürst, Tochter Zion freue dich, jauchze laut, Jerusalem!“

Liebe Schwestern des hl. Karl Borromäus, dieses laute Jauchzen über den König des Friedens, der uns verheißen ist, diese Freude, die verbindet unsere beiden Hochfeste hier in der German Colony und drüben auf dem Zion. Sie verbindet aber auch seit mehr als einem Jahrhundert unsere beiden Gemeinschaften, in Friedenstagen und im Krieg, in normalen Pilgerzeiten, in der Intifada und in der Pandemie, in vielen, vielen Dingen des Jerusalemer Alltags und nicht zuletzt im Gebet miteinander und füreinander. Auch hierfür dürfen wir Brüder vom Zion an diesem Festtag immer wieder von Herzen Danke sagen!


Die sechs Schriftzüge von unserem Mosaik-Fußboden in der Dormitio bilden zusammen einen Ring, einen Reif, eine Krone. – Liebe Schwestern, diese sechs Königinnen-Anrufungen mögen an diesem Festtag wie die Krone für Ihr Patrozinium sein. Ich wünsche uns allen auf die Fürsprache der Regina Angelorum, der Königin der Engel, ein wunderbares und gesegnetes Fest!